Ich erkläre meine Didaktik nicht mehr. Ich habe sie einmal aufgeschrieben.

Neulich habe ich einen Satz getippt, der kürzer war als jede Mail an diesem Abend: "Prüf mir die Übungen im Buchführungsmodul."
Was zurückkam, war keine Meinung. Es war eine Tabelle. 26 Aufgaben, jede bewertet nach fünf Kriterien, die vier schwächsten oben, mit Begründung, warum sie schwach sind.
Der Punkt daran ist nicht die Geschwindigkeit. Der Punkt ist, dass ich an diesem Abend mit keinem einzigen Wort erklärt habe, was eine gute Übungsaufgabe ausmacht. Diese fünf Kriterien hatte ich Monate vorher aufgeschrieben, ein einziges Mal. Seitdem stehen sie da, und die KI holt sie sich selbst, sobald eine Frage danach klingt.
Ich werde oft gefragt, was an meinem Setup eigentlich besonders ist. Die erwartete Antwort ist die Anzahl: 18 angebundene Dienste, gut vierzig Skills, ein Moodle-Server mit über neunzig Werkzeugen. Die Anzahl ist aber nicht die Antwort. Die Antwort ist eine Verzahnung, die man leicht überliest, weil beide Hälften für sich genommen unspektakulär klingen.
Zwei Hälften, die einzeln wenig taugen
Fangen wir bei den Begriffen an, kurz und ohne Vorwissen.
MCP steht für Model Context Protocol. Es ist eine Steckdosennorm. Eine KI kann von Haus aus reden und schreiben, aber sie kann nichts anfassen. Ein MCP-Server ist ein kleines Programm, das vor einem echten System steht, sagen wir Moodle, und der KI eine Liste von Handgriffen anbietet: Kurs anlegen, Abschnitt umbenennen, Quiz mit Fragen füllen, Noten auslesen. Sobald dieser Server angeschlossen ist, kann die KI diese Handgriffe ausführen, in deinem echten System, mit deinen echten Rechten. MCP gibt ihr Hände.
Skills sind das andere. Ein Skill ist, technisch gesehen, ein Ordner mit einer Textdatei darin. Oben in der Datei stehen zwei Zeilen: ein Name und eine Beschreibung, wann dieser Skill zuständig ist. Darunter steht in normalem Deutsch, wie hier gearbeitet wird. Welche Kriterien gelten. In welcher Reihenfolge. Was ein gutes Ergebnis von einem mittelmäßigen unterscheidet. Kein Code, keine Programmierung. Die KI liest diese Datei nur dann, wenn die Beschreibung zur gestellten Aufgabe passt. Ein Skill gibt ihr ein Urteil.
Der Unterschied wird an einer einzigen Frage klar:
| Deine Frage lautet sinngemäß | Dann brauchst du |
|---|---|
| "Komm an dieses System heran" | MCP |
| "Mach es so, wie es bei mir gemacht wird" | Skill |
| "Leg das jetzt wirklich in Moodle an" | MCP |
| "Nach welchem Maßstab ist das gut?" | Skill |
| "Wiederhol das, was wir letztes Mal gemacht haben" | Skill |
Ich habe beide Hälften nacheinander gebaut, und ich habe beide Hälften einzeln erlebt. Beide waren enttäuschend.
Die MCP-Hälfte zuerst. Über die habe ich schon geschrieben, in 12 Server, ein Protokoll. Das Gefühl, zum ersten Mal "Erstelle ein Quiz zu Kaufvertragsstörungen" zu tippen und dreißig Sekunden später ein fertiges Quiz vorzufinden, war groß. Und es hat mich ungefähr drei Wochen getragen. Dann fiel mir auf, dass ich sehr schnell sehr viel Mittelmäßiges produzierte. Die Fragen waren korrekt und langweilig. Die Kurse waren vollständig und leblos. Ich hatte einer KI Hände gegeben und dabei vergessen, ihr zu sagen, was ich für gute Arbeit halte.
Die Skill-Hälfte allein ist genauso unbefriedigend, nur andersherum. Eine KI, die dein Qualitätsmodell kennt, aber an nichts herankommt, liefert dir eine hervorragend begründete Handlungsempfehlung. Die musst du dann selbst abarbeiten. Am Sonntagabend. Von Hand.
Praxis 1: Bau für die Systeme, in denen du wirklich arbeitest
Nicht für die, über die geredet wird. Mein erster MCP-Server konnte drei Dinge in Moodle, weil ich in Moodle sitze. Wer mit einer Anbindung an ein System anfängt, das er zweimal im Jahr benutzt, baut ein Vorzeigestück und kein Werkzeug.
Beim zweiten Mal ist es ein Skill
Die naheliegende Frage lautet: Woher weiß ich, wann etwas ein Skill werden soll?
Meine Schwelle liegt tiefer, als die meisten vermuten. Sie liegt beim zweiten Mal.
Wenn ich einer KI zum zweiten Mal dasselbe erkläre, ist das kein Zufall mehr, sondern ein Muster. Ich erkläre nicht deshalb zweimal, weil das Modell vergesslich ist, sondern weil ich eine Anforderung habe, die mir selbst so selbstverständlich ist, dass ich sie nie ausgesprochen habe. Genau diese Anforderungen sind die wertvollen. Sie sind der Unterschied zwischen meiner Arbeit und irgendeiner Arbeit.
Beim ersten Mal ist Erklären normal. Beim zweiten Mal ist Erklären eine Nachlässigkeit, die sich verzinst.
Praktisch heißt das: Ich schreibe die Erklärung nicht mehr in den Chat, sondern in eine Datei. Das dauert beim zweiten Mal etwa vier Minuten länger als das Erklären. Beim dritten Mal ist es umsonst. Ab dem vierten ist es Gewinn, und zwar für immer, weil die Datei nicht müde wird und nicht in Urlaub geht.
Praxis 2: Beim zweiten Mal Erklären ist es ein Skill
Nicht beim fünften, nicht "wenn ich mal Zeit habe". Beim zweiten Mal. Was du zweimal erklärst, erklärst du zwanzigmal, und jedes dieser Male ist verlorene Zeit plus das Risiko, es beim nächsten Mal anders zu erklären.
Und dann kommt der Teil, den ich anfangs unterschätzt habe: Ein Skill nützt nichts, wenn er nicht gefunden wird. Die KI liest nicht vierzig Dateien, bevor sie antwortet. Sie liest die Beschreibungszeilen und entscheidet daran, welche Datei überhaupt geöffnet wird.
Das heißt: Die Beschreibung ist nicht die Verpackung. Sie ist das Werkzeug. Ein hervorragender Skill mit einer vagen Beschreibung ist ein Buch in einer Bibliothek ohne Katalog. Bei mir stehen deshalb in den Beschreibungen die Wörter, die ich tatsächlich benutze, wenn ich müde bin: "Arbeitsblatt", "Handout", "Kurs anlegen", "Session Ende", "wir sind fertig". Nicht die Wörter, die in einer Dokumentation stehen würden.
Praxis 3: Die Beschreibung ist die eigentliche Arbeit am Skill
Schreib hinein, wann er gelten soll, in genau den Worten, die du im Alltag benutzt. Ein Skill, der nicht gefunden wird, existiert nicht. Und je mehr Skills du hast, desto mehr entscheidet diese eine Zeile über den Wert aller anderen.
Warum erst das Produkt aus beidem trägt
Man kann sich die Sache als vier Felder vorstellen, und alle vier kommen im Alltag vor.
Weder noch. Du beschreibst der KI dein Problem, sie antwortet klug, du machst danach alles selbst. Das ist der Normalfall für die meisten Menschen, und es ist nicht wenig. Aber es ist Beratung, keine Arbeit.
Nur Hände. Die KI kommt überall heran und weiß nicht, was gut ist. Sie produziert dann sehr schnell sehr viel Material, das durchgeht und niemanden erreicht. Das ist die gefährlichste Ecke, weil sie sich nach Produktivität anfühlt. Man sieht die Menge und übersieht, dass die Qualität nicht mitgewachsen ist.
Nur Urteil. Die KI kennt deinen Maßstab und kann ihn nirgendwo anwenden. Das Ergebnis ist ein guter Plan. Ausführen musst du ihn.
Beides. Und hier passiert etwas, das sich nicht wie eine Addition anfühlt. Weil das Urteil dauerhaft hinterlegt ist, verändert sich der Charakter meiner Anweisungen. Ich sage nicht mehr, was zu tun ist. Ich sage, was ich erreichen will. Aus "Erstelle ein Quiz mit acht Fragen zu Kaufvertragsstörungen, davon zwei Multiple Choice, achte auf handlungsorientierte Formulierungen, keine reinen Wissensfragen" wird "Bau mir den Einstieg für Lernfeld 3."
Der Satz ist kürzer geworden. Er ist aber nicht ungenauer geworden, weil die Genauigkeit umgezogen ist. Sie steht jetzt in Dateien statt in meinem Kurzzeitgedächtnis.
Das ist der eigentliche Ertrag, und er ist keine Zeitersparnis. Er ist eine Verlagerung: weg vom Anweisen, hin zum Entscheiden.
Vier Grundzüge aus meinem Setup
Ich beschreibe hier nicht meine Skills. Die nützen dir wenig, weil sie meine Fächer, meine Schule und mein Corporate Design enthalten. Ich beschreibe die vier Ideen dahinter, denn die sind übertragbar.
Ein Skill trägt ein Modell, keine Schrittfolge
Der Skill, der an dem Abend die 26 Aufgaben bewertet hat, enthält keine Anleitung. Er enthält ein Modell mit fünf Kriterien: Gibt es einen Story-Anker, an dem die Aufgabe hängt? Gibt es etwas zu sehen? Wie tief geht das Denken, das verlangt wird? Was tut die Schülerin eigentlich, außer zu lesen? Und: Was passiert im Fehlerfall, wird der Fehler bestraft oder erklärt?
Fünf Fragen. Kein Ablauf, keine Reihenfolge, keine technische Anweisung.
Der Unterschied ist größer, als er aussieht. Eine Schrittfolge veraltet mit dem Werkzeug, für das sie geschrieben wurde. Ein Modell überlebt den Werkzeugwechsel, weil es beschreibt, woran man gute Arbeit erkennt, und nicht, welchen Knopf man drückt. Meine Kursanalyse arbeitet nach dem 4K-Modell, meine Aufgabenprüfung nach den fünf Kriterien, meine Schuldokumente nach dem Corporate Design der Schule. In allen drei Fällen habe ich eine fachliche Überzeugung aufgeschrieben, keine Bedienungsanleitung.
Und das ist der Punkt, an dem Lehrerinnen und Lehrer einen Vorsprung haben, von dem sie nichts wissen. Diese Modelle liegen in ihren Köpfen. Sie haben nur nie ein Format gehabt, in dem sie sich weitergeben ließen.
Praxis 4: Schreib das Modell auf, nicht die Schritte
Woran erkennst du gute Arbeit? Diese Frage ist die Substanz. Die Klickfolge ist es nicht, sie ändert sich mit dem nächsten Update. Ein Skill, der ein Qualitätsmodell trägt, ist in drei Jahren noch gültig.
Messen und Verbessern sind zwei getrennte Werkzeuge
Bei mir gibt es Paare. Einen Skill, der Kursabschnitte analysiert, und einen zweiten, der sie optimiert. Einen, der Übungsaufgaben bewertet, und einen, der sie überarbeitet. Immer zwei, nie eins.
Das ist Absicht, und es hat mich etwas gekostet, darauf zu kommen. Ein Werkzeug, das gleichzeitig misst und repariert, misst sich schön. Es hat ein Interesse am Ergebnis. Es findet die Probleme, die es lösen kann, und übersieht zuverlässig die, für die es keine Lösung hat. Am Ende bekommst du einen Bericht, in dem alles gut aussieht, weil alles Schlechte unterwegs stillschweigend behoben wurde und niemand mehr weiß, wie schlimm es vorher war.
Getrennte Werkzeuge zwingen zu einer Zwischenstation: Ich sehe die Messung, bevor irgendetwas verändert wird. Ich kann widersprechen. Manchmal ist die schwächste Aufgabe genau die, die im Unterricht am besten funktioniert, weil sie eine Geschichte hat, die kein Kriterium abbildet. Diese Entscheidung gehört mir, und sie gehört mir nur, wenn ich die Zahlen vor dem Eingriff sehe.
Praxis 5: Trenne Messen von Verbessern
Zwei Werkzeuge, zwei Aufrufe, eine Entscheidung dazwischen. Wer beides in einem Schritt macht, bekommt geschönte Messungen und verliert die Stelle, an der er hätte widersprechen können.
Ein Skill dirigiert, er greift nicht selbst zu
Mein umfangreichster Skill baut komplette Lernsituationen. Er recherchiert Quellen, plant die Didaktik, erzeugt Material, prüft dessen Qualität und veröffentlicht am Ende auf mehreren Plattformen. Was er selbst tut, ist: nichts davon.
Er beschreibt eine Reihenfolge und übergibt jeden Schritt an die Hände, die es können. Die Recherche an den Recherche-Weg, das Material an die Medienerzeugung, die Veröffentlichung an den Moodle-Anschluss und an das Lernmodul-Portal. Der Skill ist Dirigent, nicht Musiker.
Das klingt nach einer Feinheit, ist aber der Grund, warum das Ding seit Monaten läuft. Wenn sich ein einzelner Anschluss ändert, ändert sich ein Anschluss. Der Ablauf bleibt gültig. Hätte ich die Ausführung in den Skill geschrieben, müsste ich ihn bei jeder Änderung an jedem beteiligten System anfassen.
Dieselbe Reichweite, verschiedene Identitäten
Das ist der Teil meines Setups, den ich am seltensten erkläre und für den wichtigsten halte.
Meine Anbindungen laufen nicht direkt zu den Servern, sondern durch eine dünne Zwischenschicht. Die tut nur eine Sache: Sie entscheidet, mit welchem Schlüssel gearbeitet wird, je nachdem, in welchem Zusammenhang ich gerade sitze. Schule ist ein Zusammenhang. Blog ist ein anderer. Serverbetrieb ist ein dritter. Der Verein, in dem ich ehrenamtlich bin, ist ein vierter und ist von der Schule strikt getrennt.
Der Effekt ist doppelt. Erstens sehe ich hinterher in einem Protokoll, was in welchem Zusammenhang passiert ist. Zweitens, und das ist der eigentliche Gewinn, kann eine Sitzung, die für den Blog gedacht ist, nicht versehentlich an Schülerdaten geraten. Nicht weil ich diszipliniert bin, sondern weil der Schlüssel dafür in dieser Sitzung gar nicht existiert.
Dieselbe Logik gilt bei mir für die gefährlichste Verwechslung überhaupt. Ich habe zwei Moodle-Installationen: eine lokale Spielwiese und die echte, mit echten Kursen und echten Schülerinnen. Die heißen absichtlich verschieden, und die Regel dazu steht schriftlich da: Wenn nicht eindeutig ist, welches gemeint ist, wird nachgefragt und nicht geraten.
Praxis 6: Gib der KI mehrere Identitäten, nicht eine allmächtige
Trenne die Zusammenhänge, in denen du arbeitest, und gib jedem eigene Zugänge. Der beste Schutz gegen einen Fehlgriff ist nicht Vorsicht, sondern ein Zugang, der in dieser Sitzung schlicht nicht vorhanden ist.
Praxis 7: Zwei gleichnamige Systeme brauchen zwei Namen und eine Regel
Test und Produktion, alt und neu, Übung und Ernstfall. Benenne sie unterschiedlich und schreib die Regel für den Zweifelsfall auf. Verwechslungen entstehen nicht aus Dummheit, sondern aus Ähnlichkeit unter Zeitdruck.
Die Arbeitsweise drumherum
Bis hierhin ging es um Werkzeuge. Der Teil, der bei mir am meisten verändert hat, sind aber nicht die Werkzeuge, sondern drei Gewohnheiten drumherum. Sie kosten nichts und funktionieren ohne einen einzigen Server.
Die erste: Jedes Projekt bekommt einen Ordner, in dem steht, was hier gemacht wurde und warum. Bei mir sind das datierte Entwurfsdokumente, Umsetzungspläne und Berichte darüber, was am Ende tatsächlich herauskam. Im Infrastruktur-Projekt liegen inzwischen sechzehn solcher Entwürfe.
Der Grund dafür ist nicht Ordnungsliebe. Der Grund ist, dass ein Chatfenster stirbt.
Eine KI-Sitzung hat ein Gedächtnis, das mit ihr endet. Alles, was du in drei Stunden gemeinsam erarbeitet hast, jede Sackgasse, jede Abwägung, jeder Grund, warum ihr euch am Ende für den zweitbesten Weg entschieden habt, ist danach weg. Wenn du in sechs Wochen zurückkommst, sitzt dir jemand gegenüber, der dein Projekt zum ersten Mal sieht. Und du selbst erinnerst dich auch nicht mehr an den Grund, sondern nur noch an die Entscheidung.
Ein Projektordner ist die Antwort darauf, und er hat einen Adressaten, an den man nicht sofort denkt: den nächsten Agenten. Ich schreibe diese Dokumente nicht für mich. Ich schreibe sie, damit die nächste Sitzung sie liest und in fünf Minuten den Stand hat, für den wir beim letzten Mal drei Stunden gebraucht haben. Genau das ist der Punkt, an dem aus einzelnen guten Abenden etwas Kumulatives wird. Meine Arbeit wächst nicht, weil ich schneller tippe, sondern weil jede Sitzung auf dem aufsetzt, was die vorige hinterlassen hat.
Praxis 8: Leg dem Projekt einen Doku-Ordner an, den der nächste Agent liest
Nicht für die Nachwelt, sondern für die nächste Sitzung. Was ihr entschieden habt, warum, und was ihr verworfen habt. Ohne diesen Ordner fängst du alle paar Wochen wieder bei null an und merkst es nicht einmal.
Die zweite Gewohnheit: Alles liegt in einer Versionsverwaltung. Bei mir ist das Git, gespiegelt auf GitHub, und das gilt für den Code genauso wie für die Unterrichtsmaterialien, die Skills und die Dokumentation.
Das wird meistens als Ordnungsthema verkauft, und deshalb hört kaum jemand zu. Es ist aber kein Ordnungsthema. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt mutig arbeiten zu können.
Der Zusammenhang läuft in dieser Reihenfolge: Erst kommt die Sicherheit, dann die Freiheit. Ich lasse eine KI nur deshalb ohne Aufsicht in vierzig Dateien gleichzeitig arbeiten, weil ein einziger Befehl den Zustand von vorhin zurückholt. Jede Änderung ist ein Vorschlag, kein Eingriff. Ohne diese Rückfahrkarte würde ich vorsichtig werden, und Vorsicht ist genau das, was diese Arbeitsweise zerstört. Man probiert dann nur noch das aus, was man sich ohnehin zutraut, und das ist die Schranke, von der ich in Drei Schranken, die nicht mehr existieren geschrieben habe.
Dazu kommt etwas, das erst später wichtig wird: Versionsverwaltung macht Arbeit vererbbar. In Ich hab's nachgebaut habe ich beschrieben, warum Behörden vor selbstgebauten Lösungen zurückschrecken, und der Einwand ist berechtigt. Ein Repository, das jemand klonen und einer KI zu lesen geben kann, ist die halbe Antwort darauf. Ein Ordner auf deinem Schreibtisch ist keine.
Praxis 9: Versionskontrolle ist keine Ordnungsliebe, sondern Angstfreiheit
Erst die Sicherheit, dann die Freiheit. Wer jederzeit zurück kann, lässt größere Eingriffe zu und lernt schneller. Und was versioniert ist, kann jemand anders übernehmen, wenn du nicht mehr da bist.
Die dritte Gewohnheit ist die unbeliebteste: Ich halte fest, was ich gemessen habe, mit Datum, und ich halte auch fest, was sich als falsch herausgestellt hat.
In meiner Projektdokumentation stehen Sätze wie: "Am 16.08. auf dem echten System gemessen, die frühere Notiz dazu war nicht reproduzierbar." Das sieht nach Bürokratie aus. Es ist aber das, was mich am zuverlässigsten vor Doppelarbeit schützt. Eine widerlegte Vermutung, die nirgends steht, kommt zurück. Sie kommt garantiert zurück, in vier Monaten, wenn niemand mehr weiß, dass sie schon einmal geprüft wurde, und dann wird sie noch einmal geprüft.
Das gilt für KI-Sitzungen doppelt, weil eine KI dir gerne zustimmt. Sie wird deine alte falsche Annahme übernehmen und darauf aufbauen, wenn sie nur in deinen Notizen steht und nichts danebensteht.
Praxis 10: Halt fest, was du gemessen hast, samt Datum und samt Irrtum
Nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Vermutung, die sich als falsch erwiesen hat. Eine nirgends notierte Widerlegung kommt zurück und kostet dich dieselbe Stunde noch einmal.
Warum das an Schulen besser funktioniert als anderswo
Jetzt der Teil, um den es mir eigentlich geht.
Ich höre oft, mein Setup sei eine Ausnahme, weil ich Administrator bin und Server betreibe. Das stimmt für die Anzahl. Für den Kern stimmt es nicht, und zwar aus einem Grund, der in der Diskussion über KI in Schule fast nie vorkommt.
Lehrerinnen und Lehrer besitzen die schwierigere Hälfte längst. Nicht ansatzweise, sondern vollständig und in einer Tiefe, die anderswo teuer eingekauft wird. Ein Kollege, der seit fünfzehn Jahren Deutsch unterrichtet, hat ein vollständiges inneres Modell davon, was eine gute Aufgabenstellung von einer schlechten unterscheidet, wo eine Klasse an dieser Stelle typischerweise abbiegt, welche Fehler produktiv sind und welche nur frustrieren, wie man dieselbe Sache für drei verschiedene Niveaus stellt. Er hat das nie aufgeschrieben, weil es nie einen Adressaten dafür gab. Man kann es einem Referendar erzählen, das war's.
Jetzt gibt es einen Adressaten. Und die Übersetzungsarbeit besteht nicht aus Programmieren, sondern aus einem Satz: Schreib in normalem Deutsch auf, was du deinem Referendar erklären würdest.
Die andere Hälfte, die Reichweite, ist an Schulen ebenfalls schon da, nur unbemerkt. Es gibt eine Lernplattform, ein Mailsystem, Klassenlisten, ein Office-Paket, ein Ablagesystem. Das sind genau die Systeme, an die man Hände anbauen kann. Der Aufwand dafür ist real, aber er ist einmalig und teilbar. Er muss auch nicht am Anfang stehen.
Der ehrliche Zusatz gehört dazu: Das kleinste sinnvolle Setup besteht aus null Servern. Ein einziger Skill, eine Textdatei mit deinem Bewertungsmaßstab, ohne jede Anbindung, bringt dir bereits den Effekt aus dem ersten Abschnitt. Deine Anweisungen werden kürzer, die Ergebnisse konsistenter. Die Hände kannst du Jahre später dazubauen oder nie.
Der ehrliche Preis
Es gibt drei Sachen, die nicht funktionieren, und die verschweigt man in solchen Texten gerne.
Skills verrotten. Ein Skill, der auf eine Schnittstelle zeigt, die sich geändert hat, ist schlimmer als kein Skill, weil er falsches Selbstvertrauen erzeugt. Bei mir sind ein paar Beschreibungen inzwischen älter als die Systeme, die sie meinen. Das kostet regelmäßig Aufräumzeit, und ich bin darin nicht gut.
Zu viele Skills heben sich gegenseitig auf. Bei gut vierzig Stück entscheidet nur noch die Beschreibungszeile, was gefunden wird. Zwei Skills mit ähnlichen Beschreibungen sind schlechter als einer, weil dann derjenige gezogen wird, der zufällig besser klingt. Der Bestand braucht Pflege, sonst wächst er sich zu.
Tempo bringt keine Qualität mit. Das ist die Lektion, die mich am meisten gekostet hat. Ich musste die Qualitätsprüfung ausdrücklich bauen, als eigenes Werkzeug, weil Schnelligkeit von allein nur mehr Material erzeugt. Wer glaubt, dass gute Ergebnisse sich einstellen, sobald die Reibung weg ist, produziert leises Mittelmaß in großer Menge.
Und die vierte Sache, die kein Preis ist, sondern eine Grenze: Das alles hängt weiter an einer Person. Ich habe Werkzeuge, keine Institution. Was ich baue, überlebt mich nur, weil es versioniert und dokumentiert ist. Das ist besser als nichts und weniger als eine Nachfolgeregelung.
Der erste Schritt kostet zwanzig Minuten
Wenn dich das hier erreicht hat und du nicht weißt, wo du anfangen sollst: nicht bei einem Server. Nicht bei einer Anbindung. Nicht bei einer Liste von Werkzeugen.
Fang bei der Datei an.
Nimm die eine Sache, die du dieser Woche zum zweiten Mal erklärt hast. Schreib in normalem Deutsch auf, woran du erkennst, dass sie gut gemacht ist. Nicht wie man sie macht, sondern woran man das Gelungene erkennt. Schreib eine Zeile darüber, wann das gelten soll, in den Worten, die du benutzt, wenn du müde bist. Leg die Datei in einen Ordner, den deine KI liest.
Das ist alles. Zwanzig Minuten, kein Server, kein Budget, keine Genehmigung.
Und wenn du beim übernächsten Mal merkst, dass du diese Erklärung nicht mehr tippen musst, dann hast du die Hälfte gebaut, die schwerer zu bekommen ist. Die Hände sind Technik. Das Urteil warst du.
Dirk Schulenburg, Hamburg. Schreibt Dinge auf, damit er sie nicht zweimal sagen muss.
Zu diesem Text: Gliederung, Rohfassung und die Beispiele aus meinem eigenen Setup sind im Gespräch mit Claude entstanden. These, Auswahl der zehn Praktiken und Endredaktion stammen von mir.
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