Ich automatisiere meinen eigenen Job — und keiner merkt's

Ich baue gerade Pipelines, die meinen Job automatisieren. Und ich bin Lehrer.
Nicht irgendwann. Nicht als Gedankenexperiment. Jetzt. Jeden Abend sitze ich vor dem Rechner und bringe einer KI bei, Dinge zu tun, die ich tagsüber im Klassenzimmer mache. Jedes Tool, das ich fertigstelle, macht einen weiteren Teil meiner täglichen Arbeit obsolet. Und das Verrückte daran? Ich liebe es.
Die Architektur
Ein einzelner Hetzner-Server. 12 Docker-Container hinter einem Traefik Reverse Proxy. Das ist das Nervensystem.
Moodle-MCP mit 73 Tools — Kurse erstellen, Quizze generieren, Nutzer verwalten, Abschnitte optimieren. WordPress-MCP für den Blog. IMAP-MCP für E-Mail-Management. Teams-MCP und SharePoint-MCP für die Microsoft-Welt der Schule. Voice-MCP mit Whisper und Kokoro für Sprache-zu-Text und Text-zu-Sprache.
Ein Server. 12 Container. Alles, was die IT-Abteilung einer Schule tut — in Code.
Das Prinzip heißt Model Context Protocol. Eine KI bekommt Werkzeuge an die Hand und entscheidet selbst, wann sie welches einsetzt. Ich sage: "Erstelle einen Kurs zu Lernfeld 6." Die KI weiß, dass sie zuerst den Moodle-MCP braucht, dann den H5P-Generator, dann den WordPress-MCP für die Dokumentation. Ich sage nichts davon. Sie weiß es.
Was ich wirklich automatisiere
Nicht Kleinigkeiten. Nicht Randprozesse. Den Kern.
Moodle-Kurse aus Lernfeld-Dokumenten: Ich gebe der KI den Rahmenlehrplan, sie erstellt die Kursstruktur mit Abschnitten, Beschreibungen, Lernzielen. Was mich früher einen halben Tag gekostet hat, dauert drei Minuten.
H5P-Quizze — 16 Content-Typen: Multiple Choice, Drag & Drop, Fill in the Blanks, Interactive Video, Branching Scenarios, Course Presentations. Die KI generiert den Content, packt ihn als .h5p-Datei, lädt ihn nach Moodle hoch und erstellt die Aktivität. Alles in einem Durchlauf.
Arbeitsblatt-PDFs im Corporate Design der BS:WI: Navy-Headings, das Schullogo, Aufgabenkarten mit nummerierten Kreisen, Antwortboxen, Rechenzeilen in Courier New. Pixel-perfekt. Jedes Mal. Puppeteer rendert das HTML zu PDF, und es sieht aus, als hätte ich Stunden mit InDesign verbracht.
E-Mail-Management: Eingehende Mails lesen, kategorisieren, Termine in den Teams-Kalender eintragen, Aufgaben ableiten. Was morgens 20 Minuten im Postfach kostet, erledigt die Pipeline in Sekunden.
Blog-Publishing: Artikel schreiben, Bilder von Pexels suchen, nach WordPress hochladen, SEO-Tags setzen, in fünf Sprachen übersetzen. Ein Befehl.
Ein typischer Abend
Es ist 21 Uhr. Ich sage: "Erstelle ein Quiz zu Lernfeld 6, Thema Kaufvertragsstörungen, 15 Fragen, gemischt Multiple Choice und Drag & Drop."
Unter der Haube passiert Folgendes: Die KI analysiert das Thema, generiert 15 Fragen mit Distraktoren, erstellt zwei H5P-Dateien — eine für Multiple Choice, eine für Drag & Drop. Der Moodle-MCP lädt beide hoch, erstellt die Aktivitäten im richtigen Kursabschnitt, setzt die Bewertungen, konfiguriert die Versuche.
Ich trinke meinen Tee. 30 Sekunden später ist das Quiz live.
Was früher 45 Minuten manuelles Klicken durch Moodle-Formulare kostete — Frage für Frage, Antwort für Antwort, Bewertung für Bewertung — dauert einen Satz und einen Schluck Earl Grey.
Dann sage ich: "Analysiere Abschnitt 3 des Kurses auf 4K-Defizite." Die KI prüft den Abschnitt auf Kreativität, Kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration. Sie findet: zu viel passives Lesen, keine Interaktivität, kein Peer-Feedback. Sie schlägt drei konkrete Verbesserungen vor — mit Code.
Ich sage: "Umsetzen." Sie tut es.
Warum keiner es merkt
Die Outputs sehen identisch aus. Ein Moodle-Quiz sieht gleich aus, egal ob ich 45 Minuten daran geklickt oder einen Satz gesagt habe. Ein Arbeitsblatt im Corporate Design sieht professionell aus — niemand fragt, ob es drei Stunden oder drei Sekunden gedauert hat.
Kollegen sehen die Ergebnisse und nehmen manuelle Arbeit an. "Toll, wie viel du schaffst." Ja. Weil ich es nicht mehr selbst mache.
Das Schulsystem hat kein Konzept für "Lehrer automatisiert Unterricht". Es gibt keine Kategorie dafür. Keine Formulare. Keine Dienstvereinbarung. Also fällt es durch jedes Raster. Wie Stigmergy — die wirksamsten Veränderungen sind die, die niemand steuert und niemand bemerkt, bis sie fertig sind.
Die unbequeme Frage
Wenn ein einzelner Lehrer 80% seiner Content-Erstellung automatisieren kann — mit einem Server für 30 Euro im Monat und Open-Source-Tools — was bedeutet das für 800.000 Lehrkräfte in Deutschland?
Die Antwort ist unangenehm: Der Großteil dessen, was Lehrer als "Unterrichtsvorbereitung" bezeichnen, ist automatisierbar. Nicht in der Theorie. Jetzt. Die Tools existieren. Sie funktionieren. Sie sind besser als das, was die meisten Schulen unter "Digitalisierung" verstehen.
Ich habe in Der letzte Lehrer argumentiert, dass der Lehrerberuf keine Zukunft hat. Dieser Artikel hier ist der Beweis. Nicht als Gedankenexperiment. Als laufende Infrastruktur.
Was bleibt
Was die Automatisierung nicht ersetzt: Den Moment, in dem eine Schülerin zum ersten Mal versteht, warum Mathe Sinn ergibt. Das Gespräch auf dem Flur, wenn ein Schüler erzählt, dass es zu Hause gerade schwierig ist. Die Entscheidung, wann ein Arbeitsblatt genau das Richtige ist — und wann man es beiseitelegt und einfach redet.
Ich automatisiere die 95%, damit ich für die 5% präsent sein kann. Die 5%, die kein Algorithmus leisten kann. Die 5%, für die ich eigentlich Lehrer geworden bin.
Der Rest? Dafür gibt es Container.
Dies ist Teil einer Serie. Lies auch: Der letzte Lehrer und Stigmergy im Klassenzimmer.
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