Ich hab's nachgebaut. Sie nahmen trotzdem das Original.

Als ich hörte, dass die Zentrale TaskCards abschaltet, war mein erster Reflex nicht "schade". Mein erster Reflex war: "Das bau ich nach."
Fünf Tage später lief es.
Und trotzdem ist die Antwort auf die Frage, ob ich es hätte bauen sollen, nicht so eindeutig, wie mein Reflex glaubte.
Der Reflex
TaskCards ist eine digitale Pinnwand. Padlet für Schulen: Karten, Spalten, Bilder, Links, ein Board pro Klasse, per Link geteilt. In Hamburg lief es über eine zentrale Lizenz. Dann kam die Ansage: Die Zentrale kündigt, unter anderem an der Barrierefreiheit. Schulen dürfen Ausnahmen machen, müssen aber selbst Lizenzen kaufen.
Ich bin Berufsschullehrer und Administrator. Ich habe die Ansage gehört und nicht an eine Beschaffung gedacht, sondern an ein Wochenende.
Also habe ich gebaut. Eine kollaborative Pinnwand, selbst hostbar, ohne Schülerkonten, DSGVO-freundlich, Echtzeit über WebSockets. Und der Punkt, an dem TaskCards für die Behörde durchgefallen war, wurde bei mir zur ersten Säule: Barrierefreiheit nach WCAG, Tastaturbedienung, Screenreader, ein eigener Testdurchlauf dafür. Ich habe sogar einen TaskCards-Import eingebaut, damit niemand seine alten Boards verliert. Der Umstieg sollte wehtun-frei sein.
Das ist die Sorte Arbeit, die ich liebe. Idee am Montag, Prototyp am Freitag, und wenn er nicht taugt, baue ich ihn am nächsten Wochenende anders. Keine Ausschreibung, kein Projektantrag, keine Sitzung. Nur Bauen.
Die Wendung
Dann habe ich es der Zentrale gezeigt.
Und die ist zurückgerudert: TaskCards bleibt doch. Man macht weiter mit der eingekauften Lösung.
Mein fertiges, barrierefreies, kostenloses Ding lag auf dem Tisch, und die Antwort war, freundlich formuliert, ein Achselzucken. Die SaaS hat gewonnen. Nicht gegen ein schlechteres Produkt, sondern gegen ein Produkt, das genau die Lücke schloss, an der sie selbst gescheitert war.
Man könnte sauer werden. Ich war es kurz. Und dann wurde es interessant, weil der Grund für das Achselzucken kein dummer ist.
Der berechtigte Einwand
Warum zögert eine Behörde beim Selbstgebauten? Nicht aus Trägheit. Aus Erfahrung.
Selbstgebaute Software hat einen Konstruktionsfehler, der nichts mit dem Code zu tun hat: Sie hängt an einer Person. Der Kollege, der das Tool geschrieben hat, wird versetzt, geht in Pension, wechselt die Schule. Zurück bleibt eine Blackbox, die keiner mehr versteht, nicht warten, nicht administrieren, nicht anpassen kann. Ein Werkzeug, das mit seinem Erbauer das Haus verlässt, ist keine Entlastung. Es ist eine Zeitbombe.
Diesen Einwand kenne ich gut. Ich habe ihn selbst geschrieben. In Drei Schranken, die nicht mehr existieren habe ich unter "Was verloren geht" die Wartbarkeit als ehrlichen Preis meiner Arbeitsweise aufgeführt: "Institutionen haben Nachfolgepläne. Ich habe einen Server und ein gutes Backup."
Das war die schwächste Stelle. Und die Zentrale zielt genau dorthin.
Die Schranke, die gerade verschwindet
Nur: Diese Stelle ist gerade verschwunden, und kaum jemand hat es gemerkt.
Der ganze Einwand steht und fällt mit einer Annahme: Quellcode ist ein Geheimnis, das nur der versteht, der ihn geschrieben hat. Genau das stimmt nicht mehr.
Der Nachfolger muss die Pinnwand nicht gebaut haben, um sie zu reparieren. Er klont das Repository, lässt einen Coding-Agenten hineinschauen, beschreibt den Fehler, und der Agent findet die Stelle und behebt sie. Der Code ist keine Blackbox mehr, die an einen Schädel gekettet ist. Er ist lesbar geworden, für jeden, der fragen kann.
Der Bus-Faktor war das letzte gute Argument der SaaS-Logik. Coding-Agenten haben es entwertet.
Das ist derselbe Mechanismus wie in Drei Schranken, nur an einer neuen Stelle. Die Wartbarkeits-Schranke ist im Kern eine Wissens- und Kontinuitätsschranke, und die fällt mit KI genauso wie Wissen, Skalierung und das Zutrauen, sich an etwas heranzutrauen. Die Behörde entscheidet mit einer Landkarte, die gestern noch stimmte.
Nicht alles, was man bauen kann
Und trotzdem, jetzt kommt die andere Klinge, gegen mich selbst gerichtet: Nur weil die Schranke gefallen ist, war der Bau noch nicht richtig.
Mein Macher-Reflex hat einen blinden Fleck. Ich baue, weil ich es kann. Nicht, weil die Welt einen weiteren Padlet-Klon braucht. Nicht, weil die Institution bereit war, ihn aufzunehmen. Nicht, weil jemand danach gefragt hätte. Die Frage "Kann ich das?" beantworte ich inzwischen fast immer mit ja, und genau deshalb ist sie die falsche Frage geworden.
Die richtige lautet: Soll ich das? Und manchmal ist die ehrliche Antwort nein, obwohl es geht. Zurückhaltung ist auch ein Handwerk. Vielleicht das schwerere, wenn Bauen so billig geworden ist.
SaaS ist noch nicht tot
Bleibt die kleinere, leisere Beobachtung, und die richtet sich wieder nach außen.
Software as a Service ist noch nicht tot. Nicht als Technik, die Technik ist längst einholbar an einem Wochenende. Sondern als Reflex. Der institutionelle Griff zur eingekauften Lösung sitzt so tief, dass eine fertige, bessere, kostenlose, barrierefreie Alternative direkt daneben nichts daran ändert. Man kauft weiter, weil man immer gekauft hat. Der Reflex überlebt seine eigene Begründung.
Das ist keine Hamburger Eigenheit. Das ist das Muster, gegen das hyper-individuelle Produktion überall anläuft: Die Technik ist nicht mehr die Wand. Die Aufnahme ist die Wand.
Also, war es umsonst?
Die Pinnwand steht. Sie läuft unter pinnwand.dirk-schulenburg.net, und wer sie sich selbst hinstellen will, findet die Images auf Docker Hub: docker compose up -d, fertig, deine Daten auf deinem Server. Genau das, was eine Schule bräuchte, wenn sie es denn wollte.
Ob ich sie hätte bauen sollen, weiß ich immer noch nicht sicher. Vielleicht war die Übernahme nie der Punkt, sondern der Beweis: dass eine einzelne Person das heute in fünf Tagen kann, barrierefrei, wartbar, verschenkbar. Der Beweis liegt jetzt vor. Ob er reicht, entscheidet nicht die Technik.
Sondern die Frage, wann jemand aufhört, aus Gewohnheit zu kaufen, was längst danebensteht.
Dirk Schulenburg, Hamburg. Baut Dinge, die niemand bestellt hat.
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